Die merkwürdige Wanderung eines Oldtimers

Mein Vater hat sich viele Jahre mit der Rekonstruktion von Oldtimern beschäftigt. Anfang der 1960iger Jahre entdeckte er in unserer Heimatstadt Rochlitz/Mittelsachsen ein amerikanisches Oldsmobile von 1904 welches der damalige Mühlenbesitzer gekauft hat. Es war in einer Scheune versteckt und in einem sehr zerfallenen Zustand. Gemeinsam mit meinem Großvater haben die beiden das Fahrzeug aufgebaut und fahrbereit gemacht. Mein Vater nahm ab ca. 1962 an diversen Oldtimerveranstaltungen teil. Nach und nach machten sich aber Verschleisserscheinungen bemerkbar. Das Oldsmobile hatte einen liegenden Zylinder wie bei einem Lanz-Bulldoc. So schliff sich dieser immer unten ab und oben wurde eine Lücke aus der Öl in den Verbrennungsraum austrat.

Es wurde dann entschieden nicht mehr damit zufahren. Durch Gespräche mit Freunden sprach sich herum, dass Interessenten in Westdeutschland vorhanden und bereit waren interessante Preise dafür zu bezahlen. Mein Vater entschied sich 1969 oder 1970 zum Verkauf. Die Vermittlung übernahm ein Herr G. in Burgstädt bei Chemnitz an die Genex. 

Alle Bemühungen zu erfahren, wer der jetzige Eigentümer des Wagens geworden ist, schlugen fehl. Mein Vater hatte enge Verbindung zu Automobil-Historikern in Dresden, Korbach und Hamburg, die wiederum weitere Verbindungen zu Museen hatten. Es war kein Erfolg.

Mitte der 1990iger Jahre wurde in Chemnitz ein Automobilmuseum eröffnet. Bei der Eröffnung war auch meine Mutter und mein Bruder anwesend. Wir besitzen noch einen Wanderer von 1912 der dort ausgestellt ist. Zur großen Überraschung meiner Familie stellte sich heraus, das das Oldsmobile, welches sich einmal im Besitz meines Vaters befand, dort ausgestellt wurde. Es hatte noch den Aufkleber an der Seite mit der Firmenbezeichnung "Auto-Spritzlackierungen K. Gränz Autosattlerei Rochlitz/Sa", die mein Vater aus dem Bestand meines Großvaters angebracht hatte.

Als Eigentümer wurde damals noch, heute nicht mehr, ein Unternehmer in Oberlungwitz angegeben (der Name ist uns bekannt). Fragen wurden nicht beantwortet. Nach Aussagen meiner Mutter mußten sich die Museumsmitarbeiter verpfichten zum Eigenümer des Wagens keine Angaben zu machen.

Ein Forschungsantrag bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR ist gestellt. Er soll Aufschluss geben warum das Fahrzeug das Gebiet der DDR wohl nicht verlassen hat und wie besagter Unternehmer aus Oberlungwitz an das Oldsmobil gelangt ist.